„Die Bewahrung des Konzerns und seiner Eigenständigkeit ist unser wichtigstes Ziel.“

Dr. Andreas Hünerwadel, Präsident des Stiftungsrates, bietet im Gespräch Einblicke in das Selbstverständnis der HOERBIGER Stiftung, und erläutert, welche Erwartungen die Eigentümerschaft an den HOERBIGER Konzern hat und weshalb die Herkunft auch für die Zukunft wichtig ist.
Wenn Sie auf das vergangene Jahr schauen: Wie beurteilen Sie die Entwicklung des HOERBIGER Konzerns aus Sicht des Stiftungsrates?
Dr. Andreas Hünerwadel — Der Konzern hat ein stabiles Geschäftsjahr in schwierigem Umfeld hinter sich. Die HOERBIGER Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in einer anspruchsvollen Marktlage ein gutes Ergebnis erwirtschaftet. Dafür ist der Stiftungsrat ihnen dankbar. Das Jahr war zudem geprägt von den Desinvestitionen von Altronic und des Geschäfts für Lamellenventile sowie der erfolgreichen Akquisition von Physik Instrumente (PI). Der Verwaltungsrat und die Konzernleitung haben damit die eingeschlagene Strategie konsequent umgesetzt und damit das langfristige Wohl von HOERBIGER sichergestellt.
Die Stiftung hält gemeinsam mit der Familiengesellschafterin Frau Christiana Hörbiger 100 % der Anteile am Konzern. Was bedeutet diese Eigentümerstruktur für Stabilität, Entscheidungsfreiheit und Zukunftsfähigkeit?
AH — Dass HOERBIGER nur zwei Aktionäre hat, die sich zudem in allen wesentlichen Fragen einig sind, ist aus meiner Sicht ein großer Vorteil. Diese stabile Eigentümerschaft bedeutet für Verwaltungsrat und Konzernleitung optimale Rahmenbedingungen und gibt ihnen die Freiheit, langfristig zu denken und zu investieren. Der Konzern verfügt über eine solide Eigenkapitalbasis. Die kritische Begleitung durch den Kapitalmarkt, wie sie börsennotierte Unternehmen erleben, ersetzen wir durch hohe eigene Ansprüche, kritisches Hinterfragen und eine konstruktiv fordernde Haltung im Stiftungs- und Verwaltungsrat sowie in der Konzernleitung und im Topmanagement des Konzerns.
„Eine stabile Eigentümerschaft ist ein großer Vorteil, denn sie ermöglicht Freiheit für langfristige Entscheidungen.“
Die HOERBIGER Stiftung macht dem Konzern klare Vorgaben. Was sind die Leitplanken?
AH — Um sicherzustellen, dass der Konzern leistungsfähig bleibt, hat der Stiftungsrat eine klare Eigentümerstrategie definiert. Dazu gehören die langfristige Portfolioausrichtung und Diversifikation auf mindestens drei starke Geschäftsfelder, klare Wachstums- und Profitabilitätsziele, eine Begrenzung der Verschuldung sowie Grundsätze der Führung und Unternehmenskultur. Diese Leitplanken geben einerseits Orientierung, ohne die notwendige operative Freiheit einzuschränken. Andererseits sind sie aber auch ein klares Zeichen an den Verwaltungsrat und die Konzernleitung, dass die Stiftung hohe Erwartungen an den Konzern hat.
In einer Welt, die sich zunehmend schneller verändert: Wie bewahrt man als Stiftung den Mut, Entscheidungen mit einem Zeithorizont von zehn oder mehr Jahren zu treffen?
AH — Das hat weniger mit Mut zu tun als mit einer berechtigten Zuversicht in die Leistungsfähigkeit von HOERBIGER, also in alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Weil selten alle Tätigkeitsfelder gleichzeitig schwach performen, stabilisiert HOERBIGER den Gesamtkonzern mit einem diversifizierten Portfolio. Diese langfristige Perspektive reduziert die Abhängigkeit von auslaufenden Märkten wie Verbrennungsmotor und Ölindustrie und stärkt das Engagement in Zukunfts- und Technologiebereichen, im Idealfall sogar in Megatrends wie der Halbleiterindustrie oder grünen Technologien.
HOERBIGER befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation. Welchen Beitrag leistet die Stiftung, damit dieser Wandel gelingt?
AH — Die Transformation von HOERBIGER wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen und vorwärtsgetrieben. Unsere Aufgabe als Stiftungsrat ist es, sicherzustellen, dass die Konzernführung und die Mitarbeitenden in Ruhe arbeiten können und die Freiheit haben, langfristig und nachhaltig zu handeln.
Welche Rolle spielte die HOERBIGER Stiftung bei der Übernahme von PI?
AH — Aufgrund der Gespräche mit dem Gründer von PI, Dr. Karl Spanner, bin ich überzeugt, dass die Stiftung einen maßgeblichen Beitrag dazu geleistet hat, dass PI Teil der HOERBIGER Familie werden konnte.
Dr. Spanner und seine Familie sowie die beiden weiteren Eigentümerfamilien kamen zur Überzeugung, dass die PI Gruppe nicht länger eigenständig geführt werden kann. Sein zentrales Anliegen war die Bewahrung seines Lebenswerks. HOERBIGER bot dafür den idealen sicheren Hafen: ein international tätiger Technologiekonzern mit langer Geschichte, ein Familienunternehmen, das seine eigenen Nachfolgefragen erfolgreich gelöst hat, ein Konzern mit starken Geschäftseinheiten sowie guten Beispielen für gelungene Übernahmen und Integrationen von Unternehmen. Darüber hinaus haben sicher auch die technische Kompetenz, die Ingenieurskultur und die finanzielle Stabilität des Konzerns überzeugt.
Die außerordentlich engagierte und professionelle Arbeit des HOERBIGER Deal-Teams unter Leitung von Thorsten Kahlert hat diese einmalige Chance genutzt. Diese Leistung – parallel zur Umsetzung von Desinvestitionen und zum laufenden Tagesgeschäft – hat mich und den gesamten Stiftungsrat tief beeindruckt.
Die langfristige Stabilität von HOERBIGER ist eines Ihrer zentralen Prinzipien. Wie trägt die Übernahme von PI dazu bei, diese Stabilität auf die nächsten Jahrzehnte zu sichern?
AH — Mit der Übernahme von PI erfüllt der Konzern die in der Eigentümerstrategie geforderte Diversifikation auf mindestens drei starke Divisionen sowie die klare Erwartung, in Wachstumsmärkten eine tragende Rolle zu spielen. Mit PI verschiebt sich unser Portfolio Schritt für Schritt in Richtung nachhaltiger Zukunfts- und Technologiemärkte – ein wichtiger Beitrag zur Stabilität der nächsten Jahrzehnte.

Welche Rolle spielen die Unternehmerfamilie und die Unternehmensgeschichte für Identität, Kultur und Attraktivität von HOERBIGER?
AH — HOERBIGER ist nicht irgendein Unternehmen, sondern ein über 130 Jahre altes Familienunternehmen mit österreichischen Wurzeln, einem Konzernsitz in der Schweiz und einer globalen Geschäftstätigkeit in 40 Ländern auf allen Kontinenten. Der Name Hörbiger ist im deutschsprachigen Raum Synonym für eine technische, wissenschaftliche und künstlerische Familientradition. Der Gründer des Konzerns, Hanns Hörbiger, war nicht nur ein begnadeter Ingenieur, sondern erlangte auch als Schöpfer der Welteislehre weltweite Bekanntheit.
Alfred Hörbiger, der die Nachfolge seines Vaters im Unternehmen antrat, war nicht nur ein herausragender Ingenieur, sondern auch ausgebildeter Kunstmaler. Frau Martina Hörbiger, die Witwe des früh verstorbenen Alfred Hörbiger, schrieb als Unternehmerin in der Nachkriegszeit Emanzipationsgeschichte. Attila und Paul Hörbiger, zwei weitere Söhne des Gründers Hanns Hörbiger, waren in der Nachkriegszeit berühmte Bühnenschauspieler und Filmstars sowie die Begründer einer ganzen Nachfolgedynastie von Künstlern, die bis zum heutigen Tag reicht.
Die Familie Hörbiger spielt also bis heute eine wichtige Rolle in Industrie, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft. Entsprechend groß und vielfältig ist die Geschichte der Familie Hörbiger und des HOERBIGER Konzerns. Eine Geschichte, die uns einzigartig macht und die gesammelt, kuratiert und dem Publikum zugänglich gemacht werden muss. Denn sie inspiriert und motiviert die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Teil von HOERBIGER diese Geschichte weiterzuschreiben und mitzugestalten.
Die Stiftung arbeitet an der Bewahrung der Unternehmensgeschichte. Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die geplante Ausstellung in der Wiener Seestadt, und was möchten Sie damit vermitteln?
AH — Die Ausstellung soll unser reiches unternehmerisches und familiäres Erbe für die Mitarbeitenden von HOERBIGER und die interessierte Öffentlichkeit erlebbar machen. Gerade jetzt, da der Konzern mitten in der Transformation steckt und wichtige Weichen für die Zukunft stellt, ist der Blick auf unsere Herkunft besonders wertvoll. Zukunft hat Herkunft – dieser Satz gilt bei HOERBIGER in besonderem Maße.
Wenn Sie auf frühere Generationen der Unternehmerfamilie Hörbiger blicken: Welche Prinzipien oder Werte inspirieren die Stiftung heute noch?
AH — Der Mut, neue Wege zu gehen. Das Vertrauen in die schöpferische Kraft unserer Mitarbeitenden. Und die Zuversicht, aufgrund eigener Fähigkeiten erfolgreich die Zukunft gestalten zu können. Wir sind unabhängig und stehen auf einem soliden Fundament. Das bedeutet, dass wir auf unserem Weg nach vorne auch einmal stolpern können. Das gehört zum Leben. Aus unserer Sicht geht es um mehr als stets „höher, schneller, weiter“; es geht um die Erhaltung und kontinuierliche Neuerschaffung des Familienunternehmens, das der HOERBIGER Stiftung anvertraut wurde.
„Aus Sicht der Stiftung geht es um mehr als stets ‚höher, schneller, weiter‘; es geht um die Erhaltung und kontinuierliche Neuerschaffung des Familienunternehmens, das der HOERBIGER Stiftung anvertraut wurde.“
Welches eine Ziel für HOERBIGER ist Ihnen so wichtig, dass Sie es niemals aus den Augen verlieren?
AH — Die Bewahrung des Konzerns und seiner Eigenständigkeit.
Was ist für Sie persönlich der wichtigste Beitrag Ihrer Rolle für die Zukunft von HOERBIGER?
AH — Der Stiftungsrat versteht sich als „Guardian of Long-Term Thinking“. Unsere Aufgabe ist es, das Unternehmen langfristig auf Kurs zu halten und seine nachhaltige Entwicklung zu sichern.
Meine Verantwortung besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Stiftungsrat, der Verwaltungsrat sowie die Konzernleitung mit fachlich exzellenten und integren Persönlichkeiten besetzt sind. Und dass sie im klaren Rahmen der Eigentümerstrategie unabhängig, fokussiert und wirksam arbeiten können.